Lima ...
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… ist ganz bestimmt ein Moloch - mit seinen mehr als 12 Millionen Einwohnern, einer Portion Feinstaub, die täglich die Jahresbelastung der neuköllner Silbersteinstraße in den
Schatten stellt, den wild hingerotzten Bauten und den Käfigen, in und hinter denen all die Menschen, die irgendetwas zu verlieren haben (gleich, in welchen Stadtvierteln), leben … müssen.Hinzu kommt die garúa, jener dicht bewölkte Himmel, oft mit leicht tröpfelndem Nebel einher gehend, der selbst Schockfarben eher grau erscheinen lässt und auch für nicht depressive Menschen eine ernste Herausforderung ans Gemüt darstellt. Dem Lärm halten nur empfindsame Lehrerohren, die sich schon bei einer vorbei fahrenden „türkischen Hochzeit“ zusammen ziehen, nicht stand …
Doch gibt es, neben den höchst liebenswerten Menschen, gleichartige Oasen, die gar nicht einmal so rar gestreut sind. Dazu muss frau nicht erst ins Museo Larca nach Pueblo Libre fahren. Diese Privatsammlung, didaktisch nicht ungeschickt aufbereitet, vermittelt einen guten Überblick jenseits der in Europa überbetonten Epoche der Inka. Hier liegen Kultur und Entspannungskultur auf kleiner Fläche gerade mal 30 Meter auseinander - und entrücken den Genießer um Jahrhunderte … Reichlich Zeit, um darüber nachzudenken, warum in diesem Teil der Welt Fruchtbarkeit nicht in weiblichen Allegorien dargestellt wird …
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Auch der Hektar des vom Straßenverkehr umtosten Parque Central in Miraflores, gleich um drei Ecken, bietet nicht unbedingt eine Oase der „Stille an sich“, doch der Ruhe und des kontemplativen Müßigganges. Bis zum Einbruch der Dunkelheit vor allem das Dorado der Schuhputzer, die einem anbieten, jeden Wildlederschuh, gleich welcher Originalfarbe, ballettschuhmäßig zu tönen und zum (Er-) Scheinen zu bringen, wird die Grünfläche in der Dämmerung zur universellen Knutschzone von Paaren jeden Alters und jeden Geschlechts.
Eine ausgesprochen friedliche Stimmung herrscht hier (in welchem Umfang von der allgegenwärtigen Security herbeigeführt sei dahingestellt), die schöngeistige Darbietungen zumindest nicht stört.
Und davon gibt’s an Freitagabenden im Rondell einige Sehens- und Hörenswerte: Frauen wie Männer rezitieren zeitgenössische oder klassische, nationale wie internationale Poesie, Literatur oder was auch immer wer auswendig gelernt hat – und können sich, sofern sie überzeugt haben, eines ehrlichen und deutlichen Beifalls sicher sein. Die Zuhörer lauschen, mucksmäuschenstill, auch Langweilern, und machen jeden Gast nieder, der sich erdreistet, mit Popcorn, Döner oder tapas der Aufführung beizuwohnen – Realität, eben, kein Kinoerlebnis. Menschen, die nicht brillieren, sich jedoch erkennbar Mühe geben, dürfen zumindest einen Achtungsapplaus erwarten. Buhrufe hört man nicht. Höchst zivilisiertes Ambiente also, oder äußere ich mich wieder mal politisch unkorrekt …
Und weil mitunter auch die am härtesten gesottenen Schöngeister nicht unbedingt zwei Rezitationsabende in Folge ertragen, bietet der Samstagabend TANZ: zunächst nach traditioneller Musik aus der Konserve, die zahlreiche Menschen deutlich oberhalb unseres Pensionsalters auf die Fläche holt. Frau trägt schicke Kleidung, vom neuen Jogginganzug über Jeans und Opernfummel bis (fast) zum Ballkleid.
Später wird life music geboten, u.a. Beatles & Co, von Interpreten, die zu Zeiten des “I want to hold your hand” noch nicht einmal in der Planung waren. Doch so sind sie nun einmal, die Alten hier, swingen, twisten auf der Tanzfläche oder zucken rhythmisch mit den Schultern. Man zollt Respekt, auch wenn einem die Art der Musik zu fern ist. Erst wenn’s gar zu fremd wird, verabschiedet man sich angemessen von den Bekannten aus dem Viertel – und hier kennt jeder jeden, gerade auch in der Großstadt.
Auch das „La Favorita“, wo wir täglich Willis Bruder PISCO treffen (DNA entschlüsselt im Reise Know-How PERU auf S. 426) ist solch eine Oase inmitten des traffic jam, der unseren
Taxifahrer in Trinidad sofort hätte umkehren lassen. Ein Blick in die Straßen zeigt, dass es hier so gut wie keine bettelnden Menschen gibt, kaum welche, die Chiclets, Erdnüsse oder andere Dickmacher verkaufen, niemanden, der auf dem Gehweg Rad schlägt oder auf dem Zebrastreifen eine Galerie Eimer auf der Stirn balanciert. Bei allem Respekt vor derartigen Darbietungen, die meist auch in Centavos honoriert werden, in „unserer Gegend“ verdient mann sich eher etwas als Parkwächter, der mit rotem Leuchtstab den Verkehr stoppt, um seinen Kunden ein sicheres rückwärts Ausparken zu ermöglichen. Oder der inoffizielle Parklotse, der, kaum dass er jemanden erfolgreich in die Parklücke gewunken hat, Scheiben putzt und Lack zum Glänzen bringt, lange bevor dieselbe Fahrerin sicher rückwärts ausparken kann – nicht ohne ein angemessenes Trinkgeld durchs offene Fenster gereicht zu haben. Schäbig, wer Dienste in Anspruch nimmt, ohne sich dafür erkenntlich zu zeigen. Arbeit wird hier respektiert …
Wie anders ist es zu erklären, dass eine Indigena dem bronzefarbenen Mimen paar Centavos in ein Gefäß wirft, um ihn aus seiner Starre zu roboterhaften Bewegungen zu veranlassen, die in einem Handkuss oder einem Kusshändchen enden? Einmal mehr leben und leben lassen …?
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