… am 29. Dezember gegen sechs Uhr abends bedeutet pünktliche Abfahrt – schließlich ist die Professor Molchanov ein russisches Schiff.
Seit gut zwei Stunden bewohnen wir bereits unsere Zweierkabine, haben uns in
den ausgesprochen geräumigen vier Wänden des ehemaligen Forschungsschiffes häuslich niedergelassen und mehr Platz in den Schränken und Schaffs gefunden als in mancher landgestützten Unterkunft. Auch das „Welcome-Briefing“ ist vorbei – wichtigster Merksatz: "The bar is opened 24 hours a day." Bei Abwesenheit des Bartenders sei Selbstbedienung Pflicht! Erfüllen wir doch gerne …
Die Staff ist international gemischt und locker drauf. Das nimmt dem späteren „Safety Briefing“ ein wenig die Schärfe: Auf Alarmsignal hin warm verpackt, mit Schwimmweste und in Gummistiefeln zur Muster Station - und dann ab IN die Rettungsboote. Dort Platz finden und nehmen,
bevor der Motor angeworfen wird und wir ein Gefühl dafür bekommen, wie eng und wie laut Lebensrettung sein kann …
Der Begrüßungscocktail kommt nach dieser Aktion gerade recht, und das Abendessen, serviert, nicht selbst bedient, lässt uns keine Chance, abzukühlen. Nachdem der Lotse am östlichen Ende des Beagle-Kanals von Bord gegangen ist, geht’s ab auf die offene See – und in die Heia …
(Fotos zum Ablegen)
(link zur geplanten Reiseroute)
(die wirkliche Route)
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30. Dezember
Fleetwood Mac …
… klingt einem im Ohr, wenn man achtern die Albatrosse mit ihrer riesigen Spannweite höchst elegant ganz dicht über die Wellen gleiten sieht – kein Flügelschlag zuviel …
Unter einem nahezu wolkenlosen Himmel laufen wir vor dem Wind – gut für das vegetative Nervensystem, das uns bereits während der vergangenen Nacht einen ruhigen Schlaf bescheren konnte – keineswegs üblich in der Drake-Passage.
Entsprechend wenig ausgedünnt versammeln sich die fünfzig Mitreisenden, die mindestens ebenso international gemischt sind wie unsere Staff, am Frühstückstisch.
Damit uns ja nicht langweilig wird – und wir nicht einfach nur Albatrosse oder Sturmvögel sehen, die das Schiff begleiten, trägt Rinie, unser niederländischer „naturalist“, sehr kurzweilig höchst Interessantes zum Thema „Perfect Seabirds“ vor. Ab nun betrachten wir dieselben Vögel mit ganz anderen Augen …
(Fotos zur Drake Passage)
31. Dezember
Alle Vögel sind noch da …
… am nächsten Morgen – doch wir sind ein ganzes Stück weiter, in dem Bereich, der bereits zur Antarktis zählt, südlich des 60sten Breitengrades also. Die Sonne hält, was sie am Vorabend versprochen hat, der Wind treibt uns mit Stärke 7 vor
sich her und wir erfahren mehr über die antarktische Konvergenzzone sowie über die Unterschiede zwischen Whiskey Ice und (Salt) Water Ice – auch letzteres kann, zumindest mental, besoffen machen …
Passend zum Thema tauchen in Höhe der Süd Shetlandinseln die ersten gigantischen Eis“berge“ auf, richtig: Eisfelder, Abbruchstücke des Wedellschelfs, – das Olympiastadion ist ein Schuhkarton dagegen, Helgoland könnte gerade passen …
Von einem „Ooooh“ zum nächsten „Aaah“ erfreuen uns Magellanpinguine, die gleich neben dem Schiff mit uns Verstecken spielen und, nicht weit entfernt,
zieht ein Buckelwal selbigen nicht ein. Nicht schlecht, was der letzte Tag des alten Jahres noch alles aus der Kiste zaubert.
(Fotos zu den ersten Eisbergen)
(wikipedia zu Antarktische Halbinsel)
1. Januar
Nichts so schlimm, …
… für etwas gut, denn den ersten Landgang müssen wir in den Wind schreiben.
Nach einer kurzen Nacht finden wir uns in Brown Bluff, einer Bucht südlich von Hope Bay, vor Anker – Wolken verhängen die Steilküste, Gletscherfelder geben ein wenig Licht.
Während des Frühstücks frischt der Wind so auf, dass an eine Tour im Zodiac nicht zu denken ist. Also Anker lichten und bei strahlendem Sonnenschein weiter durch den Antarktischen Sund in die Wedell Sea, an Eisschollen vorbei, die mal eben anderthalb Kilometer lang, fast ebenso breit und gut sechzig Meter hoch sind – soviel zu dem Siebtel, das sie uns zeigen …
Vor Vega Island stoßen wir ins Packeis – statt Landgang. Dafür treffen wir auf Ross- und auf Krabbenfresserrobben, die sich einen Steinwurf weit von der Bordwand entfernt genüsslich den Bauch kratzen. Pinguine gestikulieren heftig über unseren Stahlkoloss und versuchen, ihn mit eindeutigen Armzeichen zum Halten zu bringen. Als Klügere geben sie nach und suchen das Weite – ganz in der Nähe ihrer Kolleginnen, die etwas gelassener auf größere Schiffe reagieren und sich allenfalls vor dem Wind auf den Bauch werfen.
Weil zwischen Vega und der Halbinsel des Eises wegen kein Durchkommen ist, kehren wir um. Im Sund bläst uns der Sturm heftig ins Gesicht – Abendessen statt Landgang.
Die Witterungsbedingungen bestimmen den Tagesplan, niemand sonst …
(Fotos aus dem Sund)
(wikipedia zu Robben)
2. Januar
Nix wie raus …
… ins Zodiac, um bei leichtem Regen den Eisbergen und den Pinguinen ein wenig näher zu kommen, die sich auf und um Astrolabe im Orléans Channel herumtreiben.
Doch starker Wind und hohe Dünung lassen uns den Ankerplatz wechseln, bevor wir endlich in die Boote können. Und dicht unter Land, besser: unter Eis, sehen wir, dass die Zügelpinguine einfach so heißen müssen. Vom harten (Über-)Leben der Pelzrobben, hier waren z.B. Weddell-Robben anzutreffen, erfahren wir etwas durch die wissenschaftlichen Vorträge – hier liegen sie nur faul auf den Eisschollen, lassen sich treiben oder schnarchen vor sich hin.
Mit paar Sonnenflecken auf dem Rücken sehen die Gletscher ebenso wie die eisbepackten Hügel gleich viel besser aus. Es ist auch nicht der Regen, der unseren Landgang auf Trinity Island mal wieder in Frage stellt – ein katabatischer Wind peitscht das Wasser, und das lässt sich so etwas nicht gefallen. Unsere „Expeditionsleiterin“, Delphine (sie heißt wirklich so), und die Crew auf der Brücke geben sich alle Mühe und finden mit viel Geduld ein ruhigeres Plätzchen. Erste
Fußstapfen im antarktischen Schnee, wenn auch „nur“ auf einer Insel. In Mikkelsen Harbour warten schon unzählige Gentoo Pinguine (Eselspinguine) und eine Weddellrobbe. „Gar zu lieb“, wie ein Mitreisender meint. Recht hat er …
(Fotos zu Astrolabe)
(Fotos zu Trinity)
3. Januar
La lala la …
… hat Maurice Chevalier eigenen
Aussagen nach immer dann gesungen, wenn ihm gerade der Text entfallen war – der Glückspilz, er hatte wenigstens einen. Uns gehen die Worte aus beim Betrachten der frühsommerlichen Winterlandschaften, der Eismassen, die sich in der Andvoord Bay an die Hänge schmiegen, der oft schroffen Ufer, der unzähligen Eissprenkel in der Bucht, der Pinguine und Robben am Strand und den sich ständig verändernden Ausblicken auf die Bergspitzen.
Nachdem wir aus Neko Harbour wieder ausgelaufen sind, werden die Passagen enger, das Wetter mit Nebel und Schneefall merklich schlechter und die Fahrt ob der zahlreichen Eisberge kritischer. Nicht kritisch genug, um den vorbei ziehenden, leicht verschleierten Brocken nicht etwas Mysthisches abgewinnen zu können.
Paradise Harbour heißt alleine von der Landschaft her zu Recht so, und der Landgang bei der derzeit unbemannten Forschungsstation Almirante Brown lässt uns zwar nicht auf Pinguine treffen, doch verschafft er dem Kopf ein wenig Ruhe. Im Schnee oberhalb der Bucht machen die Augen alle Luken dicht, nachdem in kurzer Zeit so viel Unterschiedliches auf sie eingestürmt ist. An Schlaf ist bei all dem Sehens- und Erlebenswerten nicht zu denken, außerdem ist hier rund um die Uhr hellichter Tag. Schlimmer als beim Tauchen …
(Fotos zu Neko Harbour)
(Designs von Cool&TheH2OGang)
(Fotos zu Paradise Habour)
(Fotos zu Abendstille)
4. Januar
Wenn die Sonne nicht untergeht, …
… muss mensch mit einem Sundowner nachhelfen, manchmal. Überwältigende Landschaften, die sich nicht mit dem Fotoapparat einfangen lassen, faszinierende Gebilde aus gefrorenem Wasser und bemerkenswert gut ausgestattete Vertreter der Tierwelt im LeMaire Channel und vor allem in der Plenau Bay lassen uns einfach nicht zu Wort kommen – klickt Euch selbst mal durch, wenn Ihr noch Eisberge und Robben sehen könnt …
Auf Petermann Island in der Gerlach Strait
machen Gentoo- und Adéliepinguine einmal mehr deutlich, was friedliche Koexistenz unter den Bedingungen des (klimatisch) kalten Krieges heißt. Unsere Augen nutzen die Gelegenheit ihr und unsere Hirne die, jeweils ihr eigenes Ding zu machen. Das ersetzt keinen Schlaf, lässt jedoch ein weinig zur Ruhe kommen …
Am späten Nachmittag freuen sich die Jungs auf der ukrainischen Forschungsbasis Vernadsky Station über die Unterbrechung ihrer Alltagsroutine und führen uns bereitwillig durchs Haus. Der Bartender schenkt etwas gegen Skorbut, Depressionen und Schlaflosigkeit aus, das anderswo rezeptfrei als Malariaprophylaxe zu erwerben ist. Gegen ein Mittel mit solcher Breitbandwirkung ist nichts einzuwenden, zumal die Nebenwirkungen zu vernachlässigen sind …
… im Gegenteil, sie schärfen die Wahrnehmung des fehlenden Sonnenuntergangs und führen zu dem Schluss: Wenn die Sonne nicht untergeht, kann sie auch nicht aufgehen. Besser als umgekehrt …
(Fotos zum Eisdesign)
(Fotos zu Robben)
(wikipedia zu Seeleoparden)
(Fotos zu Adéliepinguinen)
(Fotos zur Vernadsky Station)
5. Januar
Screaming Sixties …
… sind in der zum Museum gewordenen Base A von
Port Lockroy nicht so recht zu erleben, gibt es hier doch T-Shirts, Nippes und Bücher vor Sturm geschützt in geheizten Räumen gegen Kreditkarte zu kaufen.
Die Küchenausstattung und die high tech Geräte der Radio Station lassen einen dann in die Vorsechziger zurückfallen, als hier noch Klimaverhältnisse und Magnetfelder erforscht wurden, nicht die Kaufwünsche vagabundierender Touristen.
Allerdings haben die Freiwilligen die Geschichte der Basis mit allem Drum und Dran hervorragend aufbereitet – und nett präsentiert.
Den Gentoo Pinguinen scheint es wenig auszumachen, das wir über die Nester stolpern müssen, um vom Anleger zur Station zu gelangen – Geld stinkt nicht, sie selbst schon …
Im Neumayer Channel die Augen offen zu halten, fällt schwer, trotz der faszinierenden Landschaft und den Eisbergen, die scheinbar die enge Passage blockieren – zu grelle Sonne, zu wenig Schlaf. Da kommt die Landung auf Cuverville Island gerade recht: Kurze Wegstrecke, viel Bekanntes in aller Ruhe tief aufnehmen, sich am Strand unter den Pinguinen verlieren ...
Mutter Natur schickt uns kurz nach dem Anker lichten zwei mal zwei Buckelwale, die zu beiden Seiten des Schiffes gemächlich ihre Bahnen ziehen – und eine Crew auf der Brücke, die das ebenso genießen kann wie wir. Kaum dass wir uns am Buckeln, Blasen und Fluke zeigen satt gesehen haben, finden die beiden Paare mittschiffs zusammen und legen einen moderaten Vierer hin. Dass sie das zum ersten Mal vorführen, merken wir, weil die Synchronisation noch nicht ganz stimmt. Wir können ihre Kür Dank der Leute am Steuer und dem höchst flexiblen Küchenteam eine gute Stunde lang genießen.
(link zum Video von Wim und Carolien)
Dann hat die Viererbande anderes zu tun. Sie taucht mal eben unter und lässt uns mit reichlich Gesprächsstoff zurück. Auch unsere Antarktis erfahrenen Wissenschaftler geraten ins Schwärmen: Solch eine Vorführung hat bisher noch keiner von ihnen erlebt – von wegen „in Ruhe ausschlafen“ …
Und weil die Sonne auch noch nicht schlafen geht, erinnern wir uns an die Pflicht, die uns im ersten Briefing auferlegt wurde …
(Fotos zur Station Port Lockroy)
(Fotos zu Cuverville – für die, die noch immer nicht genug haben von Pinguinen)
6. Januar
Von Walen und Qualen …
… zeugen die Hinterlassenschaften in Whalers Bay auf Deception Island.
Der zum Teil abgesunkene Vulkan, bereits zu den
Süd Shetlandinseln zählend, birgt eine riesige Caldeira, die durch eine schiffbare Verbindung zum Meer zugänglich ist. Aus dem dunklen bis rostroten Sand ragen rostige Treibstofftanks, Tranöfen und arg lädierte Holzhäuser. Walverarbeitungsstation bis in die späten Dreißiger, (militärische) "Forschungsstation“ – Base B –, nach den Ascheregen und Schlammströmen zweier Eruptionen aufgegeben, wirkt dieser Platz nicht nur wegen des bedeckten Himmels recht düster, auch wenn uns hier nach „langer Zeit“ größere Flecken Mooses grün entgegen leuchten.
Den Chinstrappinguinen scheint das nichts auszumachen und den Pelzrobben ist der Strand gerade Recht, um auszuruhen.
Unser letzter Landgang vor dem Abheuern führt uns auf Barrientos in der Aitcho Inselgruppe. Ein Spaziergang über die Insel wird mit einem weiteren (nach all den vielen) Highlights
belohnt: Hier schläft der Elefant persönlich …
Tonnen von noch nicht ganz erwachsenen männlichen See-Elefanten ruhen sich hier als Single, Pärchen oder in Jugendgangs aus und komplettieren unsere Sammlung „Robben in der Antarktis“. Ihre unbeholfenen Bewegungen an Land kompensieren sie mit eindrucksvollem Brüllen und elegantem Gleiten im Wasser – Macker eben …
Eine knappe halbe Stunde später sind wir in der Drake Passage und hoffen, dass
Rasmus ähnlich milde mit uns verfährt wie während der Hinfahrt …
(Fotos zu Whalers Bay)
(wikipedia zu Walfang)
(Fotos zu Barrientos)
7. Januar, 17:28 h local time, …
… haben wir die Drake Passage bei fast ruhiger See zur Hälfte hinter uns, den versäumten Schlaf einigermaßen erfolgreich nachgeholt und Zeit gehabt, um über all das Erlebte zumindest ein wenig nachzudenken. Dennoch treiben die vielen Eindrücke wie ein frisch umgerührter Gemüseeintopf im Hirn umher – und munden auch nach dem vierten Aufwärmen um keinen Deut schlechter ... Gut vierzig Stunden verbleiben noch, bevor uns die Zivilisation in Ushuaia wieder hat.
Fest steht, dass dieser Teil der Reise auf diesem Schiff mit dieser fast familiären Crew und dieser fantastischen Staff an Guides so ziemlich zum Eindrucksvollsten gehört, das wir bisher erlebt haben, auch wenn wir Äpfel nicht mit Bananen vergleichen sollten …
Zur Nachahmung dringend empfohlen!
Bis demnächst
Panther & Co