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Montag, September 03, 2007

Fußball statt Fahrplan ...

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… galt zumindest für die Kutscher der zweit(…)klassigen Busgesellschaft „Los Chankas“ (nomen est omen – anders als die Wari waren die Chankas höchst kriegerisch, weniger aufs Feine, Kultivierte denn aufs Knüppel raus und Beutemachen aus, so ein Roede Orm Verschnitt der Anden also), die erst das U 17 Viertelfinalspiel gegen Ghana verfolgen mussten, bevor sie Gleiches den Hochlandrindern auf dem Weg nach CUSCO antun wollten …

Da viele einheimische männliche Fahrgäste von dem Gebolze ebenfalls angetan waren, baute sich ein gewisser Blasendruck auf, der nicht gleichzeitig an den dafür vorgesehenen Orten abgelassen werden konnte. Den Sinnspruch „Wer auf öffentlichen Plätzen uriniert, verdirbt die Kultur“ konterkarierend, waren Reifen wie Felgen, auch die zum Glück noch geschlossenen Klappen zum Gepäckraum des Busses ein beliebtes Ziel – nur gegen die Mauer mit der moralisierenden Inschrift hatte sich keiner gewendet …

Während einer Spielunterbrechung wurde dann auch das Gepäck abgefertigt – angestrullte Klappe auf, Taschen, Futter- wie Kartoffelsäcke und Kartons mit Küken rein, Klappe zu, zurück zum Spiel.

Der Kopilot, offensichtlich nicht ganz so vernarrt, öffnete zehn Minuten vor dem Abpfiff die Pforten und setzte damit das sonst beim Boarding geltende Faustrecht vorübergehend außer Kraft. Die auf der Straße, im Restaurant, in den Hotels oder sonstwo so hilfsbereiten, aufmerksamen, zuvorkommenden und freundlichen Peruaner kennen überall dort, wo mensch sich anstellen, einreihen, eine Schlange bilden muss, keine Brüder. Sie opfern alle Rücksicht einem individualistischen, egoistischen Drang nach vorne – warum auch immer, es werden schließlich keine Bananen verteilt …
Und die Sitzplätze sind auch nummeriert, steht schließlich auf jedem Billet und wird selbst von Illiteraten ohne Diskussion akzeptiert. Warum also unbedingt ERSTER, statt DABEI SEIN? Wir sind ja noch paar Tage hier und setzen unsere Ursachenforschung fort …

Möglicherweise geht’s um die Sicherung des Stauraumes über Kopf. Ein sich stark als Kollege gebärdender (wusste immer alles besser) Peruaner fühlte sich bemüßigt, uns darauf aufmerksam zu machen, dass wir auch die Gepäckablage über SEINEM Kopf mit Beschlag belegt hatten (die daneben war noch frei) – müßig, wussten wir doch schon, hatten den Krempel schließlich selbst dort hin gepackt. So sind sie halt, die Lehrer, weltweit …

Das Ergebnis nach der Regelspielzeit (dem uneuphorischen Einsteigen der Restmannschaft nach zu schließen, hatte Peru verloren) ließ auch die Cockpitbesatzung den Bus erklimmen. Froh, nicht in die Verlängerung oder gar ins Elfmeterschießen zu müssen, hörten wir wie die Triebwerke angelassen wurden – eine Halbzeit nach fahrplanmäßiger Abfahrt ...
Von dem Zeitpunkt an wurde es ruhig und friedlich im Bus. Alle saßen, bis auf zwei. Das waren auf unseren bisherigen zweitklassigen Transporten Heilsbotschafter, Bücherverkäufer oder Tigerbalsam-an-den-Mann-Bringer (auf den Dreh mit dem „Pumafett“ kommen demnächst die patriierten Chinesen …). Diesmal war es ein Zwölfjähriger mit Hasenscharte und sein gleichaltriger Kumpel, die sangen und auf einer großen Muschel Percussion spielten. Leider spielte der Kumpel auf der Muschel …
Ja, ja, Ihr habt ja alle so Recht, das Elend der Armen, vor allem der Kinder - dennoch, ignoriert nicht das der Zuhörer … Und da wir viel dichter dran waren, fiel uns die Anfangssequenz von Monty Python’s „Jabberwocky“ ein …

Gerade mal aus dem Busbahnhof, wurden die „freien Plätze“ mit denen aufgefüllt, die „an den Wegen und Zäunen“ standen ... Und dann ging’s von 2.300m in die Berge – die erlebte Landschaft wird eine andere Geschichte, doch die Schicksalsgemeinschaft im Bus bleibt das Thema.

Da „Los Chankas“ derzeit die einzige Busgesellschaft ist, die tagsüber die Strecke von Andahuaylas nach CUSCO bedient, sind natürlich Hinz und Kunz, Barbara und Willi in diesem Bus unterwegs. Außer Küken, Hasenfutter und Bettgestellen im Laderaum, finden sich entsprechend alle (positiv gemeint, nach all den Entgleisungen) TYPEN im Fahrgastraum. Außer den gringos hat jeder seine besten Klamotten angelegt und, soweit leistbar, gewienerte Schuhe an den Füßen – soll heißen, dass zwar leicht fleckige, doch immer gebügelte weiße Hemden getragen werden, keiner, der nicht gerade vom Acker kommt, hat schmutzige Kleidung am Körper. Das ändert sich leicht, wenn das angekündigte „urinal“ in 4.000m Höhe in den Wolken in feuchtem Terrain liegt. Beim Aufsuchen geeigneter, geschützter Orte nach dem Durchwaten fragwürdiger Rinnsale kehrt frau meist nicht mehr ganz so unbefleckt zurück wie ausgerückt – gewisse Verweigerungshaltungen bedürfen keiner tiefenpsychologischen Erklärung.
Na gut, der Ausblick auf die Landschaft soll laut Reiseführer entschädigen, doch das wird … eine andere Geschichte …

Auf der Strecke wird gar nicht oder an jedem Gartenzaun gehalten, die Bedürfnisse entscheiden, kein Fahrplan. Und wo ausgestiegen wird, wird auch eingestiegen. Mitunter sind es Mitreisende, mitunter auch Frauen und Mädchen, die ihre in heimischer Küche bereiteten Delikatessen den hungrigen Reisenden anbieten. Ob gegarte Maiskolben mit Soße, mit gekochtem Ei gefüllte Kartoffeln, BASF initiierte Gelatinenachspeisen etc., die Ladies tragen das Speiseangebot würdevoll und mit den nötigen Gewürzen auf dem Tablett (oder im Eimer) durch den Bus. Der Nachtischverkäufer – Eis in der Tüte – ist ein junger Mann – Zufall ..?

Zwischendurch, so nach drei durchgehockten Stunden bei atemberaubender vorbeifließender Landschaft, erinnert der Abstand der Sitze an IBERIA und an deren Empfehlungen im Kundenmagazin, einer Thrombose vorzubeugen – allein, es fehlt an Raum … Dafür nimmt mensch nach sechs, sieben Stunden im Gefährt durchaus Körpergerüche wahr, die nicht die eigenen sind, nicht mal mitteleuropäisch anmuten. Auch wenn der Duft der eigenen Füße nicht der beste ist, er ist vertrauter als die Achselnässe des Vordermannes. Und mit Vertautem und Vertrauten lässt’s sich auch unter schwierigen Bedingungen über Jahre gut aushalten, oder ..?

Beim Zieleinlauf in die „Estacion Terrestre“ zeigte Barbara wie leidenschaftslos sie das peruanische Einmaleins des Busverlassens internalisiert hatte: Sie konnte sich gnadenlos ihren Weg über JUNG und ALT auf die 50cm über Bahnsteigniveau angelegte Plattform bahnen – und erstaunte einheimische Gesichter hinter sich gelassen. VIEL GELERNT … WEITER SO!

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